Veronika die Kuh schockiert Wissenschaftler durch den Einsatz eines Werkzeugs
Eine neue Geschichte aus der Welt der Tierintelligenz zieht die Aufmerksamkeit auf sich: Eine Kuh in Österreich namens Veronika greift gelegentlich Stöcke mit dem Mund und benutzt sie, um sich zu kratzen – eine Beobachtung, die ein Team der Veterinärmedizinischen Universität Wien als Werkzeuggebrauch einstuft. Veronika gehört dem Ökobauern Witgar Wiegele als Begleiterin; sie wird nicht für Fleisch- oder Milcherzeugung gehalten. Vor mehr als zehn Jahren bemerkte Witgar, dass Veronika Stöcke ergreift und sie zum Kratzen benutzt. Witgar zeichnete das Verhalten auf und teilte das Video mit Auersperg. „Als ich das Filmmaterial sah, war sofort klar, dass dies nicht zufällig war“, erinnert sie sich. „Das war ein aussagekräftiges Beispiel für den Werkzeuggebrauch bei einer Art, die selten aus kognitiver Perspektive betrachtet wird.“ Zusammen mit Osuna-Mascaró führte Auersperg systematische Verhaltensversuche mit Veronika durch. In einer Reihe kontrollierter Versuche präsentierten sie der Kuh eine Deckbürste, die zufällig im Raum platziert war. Sie protokollierten, welches Ende Veronika auswählte und welche Körperregion sie anvisierte. Über wiederholte Sitzungen hinweg stellten sie fest, dass ihre Entscheidungen konsistent und funktionell passend zu den jeweiligen Körperbereichen waren.
Hintergrund der Entdeckung und erster Beweis für Werkzeuggebrauch bei Kühen
„Wir zeigen, dass eine Kuh wirklich flexiblen Werkzeuggebrauch zeigen kann“, fügte Osuna-Mascaró hinzu. „Veronika benutzt nicht nur ein Objekt, um sich zu kratzen. Sie verwendet verschiedene Teile desselben Werkzeugs für unterschiedliche Zwecke, und sie wendet je nach Funktion des Werkzeugs und der Körperregion unterschiedliche Techniken an.“ Die Beobachtungen legen nahe, dass Veronikas Verhalten in einem größeren Kontext der Tierkognition zu verstehen ist. Beim Kratzen bevorzugt Veronika typischerweise das borstelte Ende der Bürste, während sie empfindliche Bereiche des unteren Körpers mit dem glatten Ende kratzt. Sie passt auch ihre Handhabung des Werkzeugs an: Beim Kratzen des Oberkörpers sind breitere, kraftvollere Bewegungen zu sehen; das Kratzen des Unterkörpers erfolgt langsamer, vorsichtiger und kontrollierter.
Bedeutung, Flexibilität und Zukunft der Forschung
Das Team glaubt, dass Veronikas Handlungen dem Standardbegriff des Werkzeuggebrauchs entsprechen, geht aber noch einen Schritt weiter. Es beschreibt ihr Kratzen als flexiblen, vielseitigen Werkzeuggebrauch – sie nutzt verschiedene Merkmale desselben Objekts, um unterschiedliche Ergebnisse zu erzielen. Vielseitiger Werkzeuggebrauch wie dieser ist außerhalb unserer Spezies außerordentlich selten. Außerhalb des Menschen wurde er bisher nur überzeugend bei Schimpansen dokumentiert. „Gleichzeitig steht sie vor klaren physischen Einschränkungen, da sie Werkzeuge mit dem Mund manipulieren muss. Bemerkenswert ist, wie sie diese Einschränkungen kompensiert, indem sie das Ergebnis ihrer Handlungen antizipiert und Griff sowie Bewegungen entsprechend anpasst.“ Wichtig ist, dass die Autoren betonen, Veronikas Lebensumstände könnten eine große Rolle bei der Entstehung dieses Verhaltens gespielt haben. Die meisten Kühe leben nicht bis zu 13 Jahren oder verbringen ihre Tage in offenen und komplexen Umgebungen. Ihnen wird auch selten die Gelegenheit gegeben, mit einer Vielzahl manipulierbarer Objekte zu interagieren. Ihre lange Lebensdauer, der tägliche Kontakt zu Menschen und eine anregende physische Landschaft schaffen wahrscheinlich günstige Bedingungen für Erkundung und Innovation. Das Team plant, zu untersuchen, welche Umwelt- und Sozialbedingungen solche Verhaltensweisen bei Nutztierarten ermöglichen, und wie viele ähnliche Fälle möglicherweise unbemerkt geblieben sind, weil niemand danach gesucht hat. „Weil wir vermuten, dass diese Fähigkeit möglicherweise weiter verbreitet ist, als derzeit dokumentiert“, sagte Osuna-Mascaró, „laden wir Leserinnen und Leser, die Kühe oder Stiere beobachtet haben, die Stöcke oder andere handgehaltene Objekte für zielgerichtete Handlungen verwenden, ein, uns zu kontaktieren.“